Der Fasan (29.03.2017)

Der Fasan (29.03.2017)

(Quelle: Fasan, Wikipedia)

(Quelle:  Fasan: Meinholds Tierbild Nr. 29 (1921))

Passend zum Frühlingserwachen habe ich für Euch eine neue Geschichte aus dem TWA-Zoo.

Seit einigen Tagen stolziert ein prächtiger Fasan in den Morgenstunden direkt vor meinem Fenster längs der Au. Ein eindrucksvolles Bild mit seinem prunkvollem Gefieder, besonders, wenn es – wie in der letzten Tagen – in der Morgensonne glänzt!

Wegen seiner prächtigen Gestalt und seines Stolzes ist der Fasan oft in der Dichtung und im Volksmund als Symbol genommen worden für Dünkel und Eitelkeit. Göring und andere uniformierte Größen des Nazi-Regimes nannte der Volksmund daher spöttisch „Goldfasane“.

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Der Goldfasan

Es war einst eine Hungersnot
im Tierreich; alles schrie nach Brot.
Ein Goldfasan schlich matt und schwer
und ächzend durch den Hain daher.

Ihm sah ein Specht von ferne zu
und sagte: »Freund, was ächzest du?
Verkaufe nur dein reiches Kleid,
so hast du Brot auf lange Zeit.«

Dem Goldfasan gefiel der Rat;
er setzte seinen ganzen Staat
bei einem alten Hamster ab,
der ihm dafür viel Körner gab.

Nun pflegt er sich bei Fürstenkost;
doch plötzlich kam der Winterfrost,
und plötzlich war der arme Narr
am nackten Leibe blau und starr.

»O weh mir«, sprach er nun zum Specht,
»mein guter Freund! Dein Rat war schlecht!
Ich weiß, man stirbt aus Hungersnot;
doch wer erfriert, ist gleichfalls tot.«
(Konrad Pfeffel, Fabel-Dichter, *1736, † 1809)

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Eine ähnliche Wahrnehmung spiegelt sich auch in einigen der unten zitierten Fabeln aus dem europäischen Sprachraum wider. Andererseits galt der Fasan seit dem Mittelalter als „Inbegriff der Luxusspeisen und der Schwelgerei. … In der Symbolik der bildenden Kunst späterer Jahrhunderte ersetzt der Fasan oft den Pfau und steht dann entsprechend als Symbol der Auferstehung (Phönix), für die Göttin Hera, als Symbol der Liebe, der Wollust oder des Hochmuts. … In seiner ostasiatischen Heimat spielt der Fasan eine bedeutende Rolle in Symbolik und Volksaberglauben. In China steht er für Licht, Wohlstand, Glück und Schönheit, in Japan für Schutz, Mutterliebe und Tugend.“ („Fasan“, wikipedia)

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Die Parabel vom Fasan (eine wahre Geschichte)

Im letzten Frühjahr konnte Whybrow, der ein Sabbatjahr an der Universität Oxford genommen hatte, überraschend ein Apartment in Blenheim Palace, dem Familienbesitz der Churchills, mieten. Es war ein kalter Winter gewesen, und die Fasanenjäger hatten ganze Arbeit geleistet: Ein einziger Fasan hatte in den Gärten überlebt. Der Vogel konnte die unumschränkte Herrschaft über ein frisch eingesätes Feld übernehmen. Seiner Nahrungsaufnahme, normalerweise der natürlichen Regulierung durch die Umwelt unterworfen, waren keine Grenzen mehr gesetzt: Er konnte so viel essen, wie er wollte, und genau das tat er auch. Der Fasan wurde so groß, dass er alle Vögel, die ihm sein Futter streitig machen wollten, mühelos in die Flucht schlagen konnte. Der Riesenfasan wurde zu einer Touristenattraktion und bekam sogar einen Namen: Henry. ‚Henry war der größte Fasan, den je ein Mensch gesehen hatte‘, erzählte Whybrow. ‚Selbst als er immer fetter wurde, hörte er nicht auf zu fressen.‘ Es dauerte nicht lange, da war Henry vollkommen verfettet. Er konnte immer noch essen, so viel er wollte, aber er konnte nicht mehr fliegen. Eines Tages war er verschwunden: Ein Fuchs hatte ihn gefressen.“ (Lewis, Michael: Boomerang: Europas harte Landung. Campus: 2011)

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Vier Freunde und ein Pfirsichbaum (Ein Märchen aus Tibet)

Ein Goldfasan, ein Hase, ein Affe und ein Elefant schlossen in grauer Vorzeit Freundschaft. Der Goldfasan verstand sich auf die Kunst des Fliegens . Als die Tiere vom wundersamen Pfirsichbaum hörten, der zehntausend Jahre alt war und zu allen Jahreszeiten Früchte trug, beauftragten sie den Goldfasan, einen Schößling zu holen. Nach dreiunddreißig Tagereisen kehrte der Goldfasan zurück. Da sich der Hase auf das Setzen von Bäumen verstand, pflanzte er den Schößling ein. Dem Affen waren die wohlschmeckenden Früchte dieses Baumes bereits bekannt, daher versuchte er durch Düngung das Wachsen zu fördern. Der Elefant hoffte ebenfalls auf ein baldiges Schmausen; deshalb sog er täglich einmal den Rüssel voll Wasser und begoß damit das Bäumchen.

Unter der gemeinsamen Fürsorge wuchs der Baum schnell heran und trug Früchte. Eines Tages entdeckte der Goldfasan in der äußersten Baumspitze die ersten reifen Pfirsiche. `Ich habe den Schößling mühsam herbeigeholt', dachte er, `mein Verdienst ist also am größten! Keiner darf mir verwehren, als erster zu ernten!' So fraß er sich jeden Tag in der Baumkrone satt.

Für den Affen war die Sache auch nicht schwierig. Wollte er etwas fressen, kletterte er auf den Baum, war er satt, kam er wieder herunter. Auch der Elefant bekam seinen Teil. Er konnte mit seinem langen Rüssel an die unteren Äste reichen und füllte sich seinen Bauch mit Pfirsichen. Am schlechtesten kam der kleine Hase weg. Er schaute sehnsüchtig zu den Früchten hinauf, deren Duft ihm in die Nase zog, leckte sich die Lippen und hoppelte ratlos hin und her.

Der Baum wuchs höher und höher. Eines Tages erreichte selbst der große Elefant mit seinem Rüssel keine Pfirsiche mehr. So begann der Streit zwischen den Freunden. Elefant und Hase verbündeten sich gegen Goldfasan und Affen: "Diese Ungerechtigkeit dulden wir nicht länger! Nur ihr beiden könnt Pfirsiche ernten, und wir können nichts mehr bekommen, weil der Baum zu hoch für uns ist! Ihr müßt wissen, daß wir es waren, die den Baum gepflanzt und begossen haben!" Der Hase fügte noch hinzu: "Außer ein paar herabgefallenen Blättern habe ich noch nie etwas von diesem Baum erhalten!"

Aber der Goldfasan und der Affe waren nur auf sich bedacht und scherten sich überhaupt nicht um diese Vorhaltungen. Als der Elefant und der Hase schließlich nicht weiter wußten, suchten sie einen Weisen auf, der den Streit entscheiden sollte. Der Weise sprach: "Ihr vier solltet ablassen vom Streit! Soweit ich weiß, gab es hier ursprünglich keinen solchen Baum. Woher stammt also dieser Baum, und wie ging es zu, daß er hier gewachsen ist? Wenn ihr mir das sagt, kann ich euch vielleicht einen Rat geben."

"Weiser!" fing der Goldfasan an. "Ich stimme dir zu, daß es hier ursprünglich einen solchen Baum nicht gab. Ich habe in dreiunddreißig harten Tagereisen einen Schößling herbeigeschafft. Sollte ich bei solch großen Verdiensten keine Früchte ernten dürfen?"

"Es trifft zu, dass der Goldfasan den Schößling herbeigeschafft hat", sagte der Hase, "aber er wusste damit nichts anzufangen. Erst als ich daran ging, den Schößling einzupflanzen, ist ein Baum daraus geworden. Nur ein paar Blätter, die zufällig herabfielen, habe ich verspeisen können. Wie allerdings die Pfirsiche schmecken, weiß ich bis heute noch nicht! Sag, ist das gerecht?"

"Auch meine Verdienste sind nicht gering", sagte der Affe. "Erst durch mein regelmäßiges Düngen konnte der dünne Schößling zu einem starken Baum gedeihen!"

"Obwohl der Schößling hergebracht worden ist", bemerkte der Elefant, "ihn einer gepflanzt hat und ein anderer für Düngung sorgte, wäre der Schößling ohne mich vertrocknet. Daher habe ich jeden Tag mit meinem Rüssel Wasser aus dem Fluss herbeigeschafft und ihn begossen. Erst dadurch konnte der Baum wachsen! Warum sollte ich bei solchen Verdiensten keine Früchte genießen dürfen?"

Darauf sprach der Weise: "Wenn dem so ist, dann hat jeder von euch für das Wohl des Baumes gesorgt. Jeder verdient deshalb, von den Früchten zu essen! Der Streit zwischen euch wird sofort aufhören, wenn ihr gründlich darüber nachdenkt, auf welche Weise alle der Früchte teilhaftig werden können. Dann wird das Mißtrauen zwischen euch verschwinden und dafür die Brüderlichkeit wieder ihren Platz einnehmen!"

Diese Worte leuchteten allen ein. Sie berieten sich und fanden die richtige Lösung: Sie wollten von nun an immer gemeinsam ihr Mahl einnehmen! Der Elefant sollte sich unter den Baum stellen, der Affe auf den Rücken des Elefanten und der Hase auf den Rücken des Affen klettern. Und der Goldfasan müsste auf den Rücken des Hasen fliegen. Dann sollte der Goldfasan die Pfirsiche pflücken und dem Hasen hinabreichen, dieser sollte sie dem Affen und der Affe dem Elefanten geben. Auf diese Weise lernten die vier Freunde in Eintracht die wunderbaren Früchte eines wunderbaren Baumes zu ernten und zu verzehren.“

(Quelle: Hans-Peter Grumpe, Reisebilder,  accessed:29.03.2017)

(Quelle: Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft (GSTF)

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Der Fasan und die Schwalbe

Als eine Schwalbe längere Zeit über einem Fasanengarten herumflog, den Mücken und noch kleineren Insekten unverdrossen in größter Schnelligkeit nachsetzte, rief ihr ein wohl-ausgefressener Fasan auf dem Wipfel eines Baumes sitzend zu: O Närrin! Wie magst du dich wohl um dein weniges Futter so sehr plagen – komm zu uns, wir nehmen dich zu unserer Freundin auf, und im Überflusse wirst du von unsern Gönnern Nahrung und Futter finden.

Ich will nichts vom Überflusse wissen, erwiderte die Schwalbe, denn was ich mir täglich selbst erwerbe, ist mir weit schätzbarer, als was man mir unverdient geben möchte, und überdies behagt euer Futter meinem Magen nicht.

Dein Stolz ist groß, antwortete der Fasan, und es scheint, daß man es deiner Dummheit zuschreiben muß.

Möget ihr sprechen, was ihr wollet, dieses kümmert mich wenig, mich beruhiget meine Freiheit. Eben als noch der Fasan sein Glück weiter preisen wollte, geschah ein Schuß, und der Fasan stürzte. Als dies die Schwalbe sah, sagte sie zu sich selbst: Nun ist meine Denkungsart noch mehr bekräftiget, da ich diese Erfahrung gemacht habe. (Knieschek, Franz: Fabeln und Erzählungen. Prag: 1818: 139-140)

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Die Fasane (von Leo Tolstoi)

Im Kaukasus nennt man die wilden Hühner Fasane. Es gibt ihrer so viel, daß sie billiger sind als gewöhnliche Hühner. Man jagt die Fasane »mit dem Gestell«, »auf dem Baum« und mit dem Hühnerhund. Mit dem Gestell jagt man so: man bespannt einen Rahmen mit Segeltuch, bringt in der Mitte des Rahmens eine Querleiste an und macht im Segeltuch einen Schlitz. Diesen mit Segeltuch bespannten Rahmen nennt man Gestell. Mit diesem Gestell und mit dem Gewehr geht man beim Morgengrauen in den Wald. Man trägt das Gestell vor sich her und hält durch den Schlitz Ausschau nach Fasanen. Die Fasane suchen am frühen Morgen ihr Futter auf den Waldwiesen. Zuweilen trifft man eine ganze Familie, – eine Henne mit den Jungen, manchmal einen Hahn mit einer Henne, manchmal einige Hähne zusammen. Die Fasane sehen den Menschen nicht; vor dem Gestell haben sie keine Angst und lassen den Menschen ganz nahe heran. Nun stellt der Jäger das Gestell hin, steckt das Gewehr durch den Schlitz und schießt nach seiner Wahl. …

Wenn die Kosaken an die Fasane heranschleichen, stülpen sie sich die Mützen übers Gesicht und schauen nicht hinauf, denn der Fasan fürchtet den Menschen mit einem Gewehr, am meisten fürchtet er aber seine Augen.“ (Lew (Leo) Tolstoi: Ausgewählte Erzählungen für die Jugend - Kapitel 4, * 1828; † 1910)